STAUNEN.

/Akquiseschreiben./ Sehr geehrte Damen und Herren,

gerade eben habe ich mich mit meinem LIA und einer Reihe von Güterzügen getroffen. Wir waren an der Isar und haben geredet.

Genauer?

Es war warm. Die Sonne schien. Wir standen an der Bude bei der Bahnunterführung, tranken Kaffee, aßen Gummibärchen, aber nur die weißen, und in regelmäßigen oder vielmehr unregelmäßigen Abständen bretterte ein Güterzug durch unsere Gespräche-bei-Kaffee-und-Gummibärchen-an-der-Isar-Idylle. Und dann mussten wir aufhören zu reden. Anfangs fanden wir das ziemlich nervig. Weil sie einen ständig mitten im Satz unterbrachen. Die Züge. Aber nach und nach begriffen wir, dass sie nur mitreden wollten. Ja. Sie wollten uns etwas sagen. Wir wussten nur noch nicht, was. Immerhin hörten wir ihnen aufmerksam zu, während sie rasselnd und quasselnd über unsere Köpfe hinweg donnerten. Als müssten sie ihren Frust ablassen. So hörte sich das an. Und auch wenn wir nicht so recht verstehen konnten, was sie uns zu sagen hatten: Wir warteten geduldig, bis alles heraus war. Jedesmal …

Über was wir sprachen? Oh nein … Nicht schon wieder ein Zug!

Nun? Wir sprachen über dieses und jenes. Aber hauptsächlich über das Museum. Obwohl wir das gar nicht geplant hatten … Was für ein besonderes “Produkt“ es doch war. Oder sagen wir lieber ein “Angebot”? Ein Angebot, das beeindruckt, vielleicht … Und wie schön es doch war … Mit seiner besonderen Lage im Stadtraum. Ein Ort. Eine Insel … Und die Architektur … Dieses eigentümliche Innenleben … Wir schwärmten von diesen kunstvoll gefüllten Diaramen. Wie liebevoll sie gedacht und gemacht waren. Von den didaktischen Instrumenten … All diese Kurbel, Hebel, Knöpfe und Lämpchen … Das viele Glas, Linoleum, Unmengen an grau und weiß lackiertem Blech … Bei der Aufzählung der Materialien überschlug sich mein LIA förmlich … Na ja. Und die Grundlagen für die Gestaltung waren ja eigentlich auch ganz okay. Ich meine die goldenen Buchstaben über dem Eingang … Richtig klasse! Und das Logo konnte man im Großen und Ganzen auch lassen. Das hatte Qualität. Na schön … Über den Sinn und Zweck der Eule könnte man streiten. Immerhin war damit klar, dass es hier um die Vermittlung von “Wissen” ging. Aber dazu bräuchte man heutzutage doch kein Museum, meinte mein LIA und da hatte er natürlich Recht. Dafür gäbe es schließlich WIKIPEDIA. Und wir wollen hier doch bitte nicht mit einer Bibliothek verwechselt werden! Außerdem … eine Eule für das tollste technische Museum der Welt??!? Darüber wären wir so richtig ins Lästern gekommen, hätte uns nicht wieder just in diesem Moment ein entsetzlich langer Güterzug überrollt …

Wenigstens könnten sie die Eule doch mal durch ein Symbol für “Erlebnis” ersetzen, meinte ich, nachdem der Zug endlich durch war. Ein Symbol für “Aha-Erlebnis” statt dieser mottenresistent ausgestopften Wissenseule. Und darüber lachten wir dann wieder. Wie die Hühner. Und dann zerbrachen wir uns die Köpfe, wie man ein “Aha-Erlebnis” visualisieren, das “Staunen” als ein “Erlebnis von verstehender Erkenntnis” greifbar machen könnte. Überhaupt … Vielleicht ging es gar nicht darum, Werbung für ein Museum zu machen? Vielleicht ging es darum, Werbung für das Staunen zu machen? Wo bitte kann man denn heutzutage noch staunen??? Wie geht das eigentlich? Und wie kann man das ermöglichen? Es machen? Oder nur mal z-u-l-a-s-s-e-n??? Und schon kam wieder ein Zug. Diesmal ein Personenzug. Unterwegs nach Salzburg …

Was dabei heraus kam?

Gute Frage. Und in jedem Fall schon einmal dieser Brief. Alles weitere wird sich zeigen. Schließlich stehen wir erst ganz am Anfang. Am Anfang einer Veränderung, die wie jede Veränderung damit beginnt, dass wir nur von davon träumen können, was wir uns wünschen:

Die Wissenseule in zwei leuchtende Augen zu verwandeln … die wunderschöne Eingangshalle von dem ganzen Displayplunder zu befreien … ein modernes Erscheinungsbild zu entwickeln, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Museumslandschaft hindurch zieht und die drei „Häuser“ zu einer visuellen Bedeutungseinheit verbindet … ein Band des Staunens, das sich in der Kommunikation mit den unterschiedlichsten Menschen fortsetzt … Menschen? Ja. Menschen. Frauen, Männer und jede Menge Kinder. Mitarbeiter*innen, Museumsbesucher*innen, Bürger*innen unserer Stadt, Menschen auf der ganzen Welt … wir wünschen uns eine Kommunikation, die über das Internet auch unseren Freund Abu in Afrika erreicht und ihn dort abholt … Schließlich kommen Ihre Besucher*innen doch aus der ganzen Welt? Und wäre es nicht toll, mit denen zu reden?

Da haben wir es.

Eine schier endlos lange Güterzugtirade rasselte an uns vorüber. Wir dachten schon, das würde gar kein Ende mehr nehmen. Irgendwann war es dann wieder still. Und wir pickten uns die letzten beiden weißen Gummibärchen aus der Tüte …

“Noch können wir von alledem nur TRÄUMEN“, sagte ich zu meinem LIA. “Und darüber reden, wovon wir träumen. Oder visualisieren, worüber wir reden …”

Wir?

Ja. Wir. Sie und ich und mein LIA. Und natürlich noch viele andere. Oder dachten Sie etwa, wir machen das alles alleine?

“Frag’ sie doch mal, warum da eigentlich nichts geht”, sagte mein LIA beim Abschied zu mir. “Das muss doch irgendeinen Grund haben.” Und ich? Ich staunte meterhohe Bauklötze.  “Na klar, Du hast Recht …”, sagte ich erleichtert. “Darauf wäre ich nie gekommen …”

Und?

Ich rufe Sie an. Wozu gibt’s schließlich Telefone?

Herzliche Grüße
K.M.

4 Kommentare

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13. April 2011 um 10:53

Hallo Kati,
ich fand die ursprüngliche Version besser.
Die Erläuterung nimmt dem LIA den “Zauber”.
Wen´s interessiert, der wird nachfragen !!!

Grüsse, Dieter

13. April 2011 um 19:39

Welche “letzte Version” meinst Du jetzt? Ich hatte diese “neuralgische” Stelle ungefähr siebenundzwanzigmal geändert. Die Version in dem Originalbrief finde ich auch tot erklärt. Aber im Blog finde ich es jetzt ganz gut…

28. November 2011 um 12:31

Gibts jetzt LIA wirklich??? Also ich verstehe nur Bahnhof – passt ja zum Thema.
Manchmal brauchts Erklärungen, gerade bei Kati – und ich kenne noch dazu die Thematik!!!

30. November 2011 um 11:20
– Als Antwort auf: Anonymous

Na klar gibt’s den wirklich. “LIA” ist die Ankürzung von “Lieblingsinnenarchitkekt”. 😉 Mich interessiert jetzt vielmehr die Frage, ob einem der Text etwas sagt, wenn man nicht weiss, worum es geht…

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